Mittwoch, 8. August 2018

"Nathan der Weise" als Anregungsmuster für interreligiöses Lernen (aktualisiert)

Die eine Wahrheit und die „vorurteilsfreie Liebe“
Erstdruck 1779 - ohne Verlagsangabe (Wikipedia)

Schon in Lessings „Nathan“ wird der Anstoß gegeben, die Gleichwertigkeit der Religionen ernst zu nehmen 

(vgl. Joh-Ev. 3,8 und Kap. 14). 
Die Aufklärung in Europa hat die Religionen ohne Absolutheitsanspruch angeshen und auch christliche Monopolansprüche relativiert. 

Die auf Boccaccio zurückgehende Ringparabel, die Gotthold Ephraim Lessing in einen szenischen Kontext setzt, wird zu Recht bis heute als Dokument aktiver Toleranz gepriesen. Auch ihre Wirkungsgeschichte ist bis heute keineswegs abgeschlossen. Bei aller Dialogoffenheit heutzutage stellt sich immer noch die Frage, ob das Christentum in wirklich ohne Einschränkungen hinter dieser Aussage steht. 
Die Intentionen des "Nathan" haben darüber hinaus erhebliche didaktische Konsequenzen für eine interreligiöse Erziehung überhaupt. 

                                               Es eifre jeder seiner unbestochnen
                                               von Vorurteilen freien Liebe nach!
                                               Es strebe von euch jeder um die Wette,
                                               die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
                                               zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut,
                                               mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
                                               mit innigster Ergebenheit in Gott
                                               zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
                                               bei euern Kindes-Kindern äußern,
                                               so lad ich über tausend tausend Jahre
                                               sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
                                               ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
                                               als ich und sprechen, geht!
G.E. Lessing, Nathan der Weise, 3. Aufzug, 7. Auftritt
Gerade ein dogmatisch eher festgelegtes Christentum tut sich bis heute schwer, die Konsequenzen dieses aufklärerischen Toleranzbegriffes in die Tat umzusetzen. Immerhin wird nichts Geringeres behauptet, als dass Christentum, Judentum und Islam gleichwertig seien und dass die Liebe zum Höchsten sie alle präge. Darüber hinaus kann man natürlich darüber intensiv sinnieren, was es wohl bedeutet: „Der echte Ring vermutlich ging verloren.“
Historischer Rückblick und Folgerungen für die Gegenwart
Nathan, der Weise, dieses kunstvoll zusammengefügte Drama Gotthold Ephraim Lessings, entstand, als ihm seine Streitschriften gegen den orthodoxen Hauptpastor Goeze in Hamburg verboten wurden. Mit der Veröffentlichung der Schriften des Reimarus hatte er eine Lawine losgetreten, die die bornierten Bekenner des Glaubens auf den Plan rief. Sie sahen das ganze christliche Weltgefüge wieder einmal aufs Tiefste bedroht, sie sehen es noch heute bedroht. Der Kampf gegen Andersgläubige wird noch immer mit religiösen Argumenten ausgefochten. Judentum und Islam werden immer wieder verzerrt dargestellt trotz besserer Information. Auch manche Christen können wohl ohne Feindbild nicht leben, obwohl ihnen Jesus anderes verkündigte. Um gegen die Feindbilder und die Intoleranz anzugehen, um die Gleichwertigkeit (nicht Gleichheit) der Religionen zu betonen, steigt Lessing auf „seine“ Kanzel, das Theater: „Ich muss versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, dem Theater, wenigstens noch ungestört will predigen lassen“, hat er gesagt, als er den „Nathan“ schuf.
Gegen die Intoleranz seiner Gegner stellt er das Humanitätsideal der „von Vorurteilen freien Liebe“ auf, das sich an der Menschlichkeit in allen Religionen orientiert und in der Weisheit gelebten Glaubens seine höchste Verdichtung findet. Nathan wird zur Idealfigur, der Weise hat schon gelernt, der kluge Sultan lässt sich auf die Weisheit der Toleranz ein, die beiden Frauen, Recha und die Sultans-Schwester Sittah treiben diese Gedanken mit Charme voran, und selbst der sympathische, aber doch am christlichen Absolutheitsanspruch krampfhaft festhaltende Tempelherr sieht sich zu guter Letzt in eine Verwandtschaftslinie gestellt, in der Juden, Muslime und Christen gleichermaßen Platz haben. Aus solcher Verwandtschaft kann man sich nicht heraus stehlen, sondern sie ist in ihren positiven Chancen gerade angesichts zunehmender Konflikte bewusst wahrzunehmen.

Happy-End der anderen Art und ein Funken Hoffnung


Der Plan liebender Weisheit
Den Friedenskräften aller Religionen eine Chance.
Darum du gottholder Gotthold Ephraim,
wollen wir deine Geschichte
in unseren Ohren klingen lassen,
damit nicht angesichts der Blutspuren,
die Religionen durch die Geschichte zogen,
die Steine noch mehr schreien.
Und du gottholder Ephraim –
du hast dein Rinparabel-Spiel
ganz listig arrangiert,
so dass wir sogenannten Aufgeklärten
und mit den Vorurteilen doch Erfüllten
eigentlich unsere Spielregeln ändern müssten,
um dieses Spiel mit den drei Ringen
heute zu spielen:
Gott teilt Liebe nicht
nach Konfessionen oder Religionen zu:
Gott liebt sie alle:
Die Juden, die Muslime und die Christen
Und all die anderen
mit den vielen Göttern
und ja auch,
die wieder einen Gott er-kennen
oder an ihn glauben.
Gott liebt auch die Tempelherren,
doch Kreuzesritter müssen eines lernen:
Menschlichkeit bar jeder Vorbedingung,
denn Menschlichkeit ist nicht beschränkt,
sie gilt für alle Menschen.
Gott ist nämlich aller Menschen Gott,
und alle sind auch seine Kinder.
Da lernt zum Schluss der stolze Tempelherr,
dass die Verwandtschaftslinien oft verworren sind,
und dennoch heilsam enden.
Der Schluss von Lessings Nathan ist kein Märchen,
jedoch ein bisschen märchenhaft,
zu schön, um Wirklichkeit zu werden,
doch nicht zu schön, um wahr zu sein.
Beim schönen Schluss       
gibt’s kein Traum-Liebespaar,
beim schönen Schluss, da hört die Trennung auf,
Geschwister alle, weil         

der Plan der Weisheit aufgeht.

Der Krieg bringt Menschen auseinander;
die Liebe fügt zusammen,
der Gott der Liebe,
den Juden, Christen, Muselmanen
verschieden doch und gleicherweis verehren.
Dies mitten in Jerusalem,
und darum sei die Stadt auch wirklich allen heilig.

Aktualisierender Vorblick

Warum denn heute nicht zurück zu Nathan?
Es ist schon wieder höchste Zeit.
Schon wieder brennen Häuser.
Terror erschüttert immer wieder die Gemüter.
Die Herrschenden
bestimmen über Gut und Böse.
Flüchtlinge suchen verzweifelt
auf schwankendem Boot
nach sicherem Grund.
Schwarze Haut bleibt Zeichen
weißer Vorurteile.
Gott anrufen – und Allah sprechen
gilt als Bedrohung autochthoner Bürger,
Flüchtlingsheime brennen,
Synagogen und Moscheen werden demoliert.
Teehäuser verwüstet.
Wo sind wir bloß schon wieder?
Schau‘n wir auf die Ringe unserer Religionen.
der Juden  Bibel, den Koran, das Neue Testament,
sie haben alle Kräfte der Versöhnung,
sie wollen nicht
als Schwert und Holzhammer
verschlissen werden.
Vertrauen wir auf ihre Wunderkräfte,
wie wir doch Söhne und Töchter dieses einen Gottes sind.
Denn merke:
Alle sind sie gleich geliebt,
ja wirklich alle.

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Literaturhinweise

·     Dieter Wunderlich: Buchtipp „Nathan der Weise“:
http://www.dieterwunderlich.de/Lessing_Nathan.htm

(abgerufen 29.04.2012)
·    Reinhard Kirste: „Vorurteilsfreie Liebe“
als wesentliche Zielvorstellung interreligiösen Lernens.
In: Eckhart Gottwald / Norbert Mette (Hg.):
Religionsunterricht interreligiös.
Festschrift für Folkert Rickers zum 65. Geburtstag.
Neukirchen Vluyn: Neukirchener Verlag 2003, S. 37–55
·   Reinhard Kirste: Wegweiser zur Gleichwertigkeit der Religionen.
In: Udo Tworuschka (Hg.): Religion und Bildung
als historische Forschungsfelder.
Festschrift für Michael Klöcker zum 60. Geburtstag.
Kölner Veröffentlichungen zur Religionsgeschichte Bd. 31.
Köln: Böhlau 2003, S. 199–211
·   Karl-Josef Kuschel:  "Jud, Christ und Musulmann vereingt"?
Lessings Nathan der Weise.
Düsseldorf 2004.
Überarbeitete Neuausgabe: 
Im Ringen um den WAHREN RING.
Lessings "Nathan der Weise" -
eine Herausforderung der Religionen.
Ostfildern: Patmos 2011 --- Rezension: hier
  • Weihnachten und der Koran. Düsseldorf: Patmos 2008, 158 S., Abb.
  • Karl-Josef Kuschel: Vom Streit zum Wettstreit der Religionen.
    Lessing und die Herausforderung des Islam.
    Düsseldorf: Patmos 1998, 361 S., Register

© Reinhard Kirste

Relpäd/Nathan4, 29.04.12, bearb. 17.04.2016 u.ö.






Dienstag, 17. Juli 2018

Die Lebenskraft des Samens - gegen den Tod

MUTABOR
 Ich werde verwandelt.



They tried
to bury us. 
They didn’t know
we were seeds.


Sie versuchten,
uns zu beerdigen. 

Sie wussten nicht,
dass wir der Same waren.













It appears to have been written by Greek poet Dinos Christianopoulos.
As a lyrical voice for the homosexual community in the 20th century,
Mr. Christianopoulos has endured many instances where his work
has been diminished or overlooked. Luckily he has a friend
and supporter named Christos Paridis, who spotted this image
and wrote to me with the original source. 

Update, Jan 12 2015 --- gefunden bei: J.H. Fearless
The source of this quote has been discovered!

Originaler griechischer Text mit englischer Übersetzung:


καὶ τί δὲν κάνατε γιὰ νὰ μὲ θάψετε
ὅμως ξεχάσατε πὼς ἤμουν σπόρος

What didn’t you do to bury me
but you forgot I was a seed.
These lines were written in the 1970s, and were directed at the literary community
 that had marginalized Christianopoulos’ writing.
True enough, the poem was a seed, destined to sprout.
Within a few decades, this phrase was picked up by the Mexican counterculture,
written as
Quisieron enterrarnos, pero se les olvido que somos semillas.
That’s how I came across it, on this Reddit thread. According to posters there,
it’s been in use for many years in the Zapatista movement, and has come back
 into frequent use among protesters in recent civil unrest.
So how to reference this quote? It has changed, as ideas do,
by being transferred to a new community – and with that change has come
new meaning and new import. That’s the nature of a meme, I suppose."
Erinnerung an  Jesu Gleichnis vom Weizenkorn 
und des Polizisten Arnaud Beltrame, 
der sein Leben für andere opferte:
20Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren,
um anzubeten auf dem Fest.
21Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war,
und baten ihn und sprachen:
Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. 
22Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus
und Andreas sagen's Jesus weiter. 
23Jesus aber antwortete ihnen und sprach:
Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
24/25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: 

Wenn das Weizenkorn
nicht in die Erde fällt

und erstirbt, 

bleibt es allein;
wenn es aber erstirbt, 
bringt es viel Frucht. 

Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren;
und wer sein Leben auf dieser Welt für nichts achtet, 
der wird's erhalten zum ewigen Leben.
Im Zusammenhang der Passionsgeschichte (Johannes 12,20 - 25) 

Dieses Wort Jesu hat der französische Polizist Arnaud Beltrame
bewahrheitet, indem er sein Leben im Austausch für die Geiseln opferte.

Terroranschlag in einem Supermarkt in Trèbes (Südfrankreich)
am 23. März 2018
(NZZ, 24.03.2018)




CC



Mittwoch, 11. Juli 2018

Denis Diderot (1713-1784): Für Humanität und gegen Barbarei

Religion und Fanatismus
Von der Philosophie zur Gottlosigkeit ist es eben so weit wie von der Religion zum Fanatismus, aber vom Fanatismus zur Barbarei ist es nur ein Schritt.
         (Dédicace de l'essai sur le mérite et la vertu1745)                                            



Menschlichkeit - Humanité
"Das ist ein Gefühl des Wohlwollens für alle Menschen, das nur in einer großen empfindsamen Seele aufflammt.
Diese edle und erhabene Begeisterung kümmert sich um die Leiden der anderen und um das Bedürfnis, sie zu lindern; sie möchte die ganze Welt durcheilen, um die Sklaverei, den Aberglauben, das Laster und das Unglück abzuschaffen. Sie verbirgt vor uns die Schwächen der Mitmenschen oder verhindert dadurch, diese Schwächen zu fühlen, macht uns aber unerbittlich gegenüber Verbrechen.
Sie entreißt dem Bösewicht die Waffe, die dem guten Menschen zum Unheil werden könnte. Sie verführt uns nicht, uns von besonderen Pflichten zu befreien, sondern macht uns - im Gegenteil - zu besseren Freunden, besseren Eheleuten, besseren Staatsbürgern. Es macht ihr Freude, die Wohltätigkeit auf alle Wesen auszudehnen, die die Natur neben uns gestellt hat.
Ich habe diese Tugend, eine Quelle so vieler anderer Tugenden, zwar in vielen Köpfen bemerkt,
aber nur in wenigen Herzen." 
                                       
(Encyclopédie: Artikel  Humanité, 8. Band, 1766)






Donnerstag, 7. Juni 2018

Die Vision von der Gleichwertigkeit der Religionen --- Texte von der Antike bis in die Neuzeit ---


Altar religiöser Vielfalt

BHAGAVAD-GITA - 9. Gesang 
(um 300 v. Chr., 
zwei Übersetzungsvarianten )


(23) Der, welcher andern Göttern dient,
Der dient in höherm Sinn mir auch,
Wenn er es ganz von Herzen tut,
Weicht er auch ab vom richt'gen Brauch.
(24) Denn jedes Opfer gilt ja mir,
Und jedes Opfers Herr bin ich,
Doch kehren sie zur Welt zurück,
Weil sie nicht wahrhaft kennen mich.
(25) Zu Göttern geht, wer sie verehrt,
Zu Ahnen, wer sie ehret, ein,
Zu Geistern, wer den Geistern dient,
Zu mir, wer mich verehrt allein.

Neunter Gesang (V. 23-25). Rede Krishnas an Arjuna.
Bhagavadgita. Das Lied der Gottheit. Aus dem Sanskrit übersetzt von Robert Boxberger. Neu bearbeitet und herausgegeben von Helmuth von Glasenapp.
Stuttgart: Reclam TB 7874/75, 1974 u.ö., hier S. 62


(23) Auch jene, die andere Götter anbeten,
opfern doch mit gläubigem Vertrauen,
und damit ja eigentlich mir, Kunti-Sohn
obgleich sie nicht der Regel gemäß opfern.
(24) Denn ich bin ja Empfänger und Herr
aller Opfer.
Aber sie erkennen mich nicht wirklich,
deshalb straucheln sie.
(25) Die Gottergebenen gehen zu den Göttern.
Die Ahnenverehrer gehen zu den Ahnen.
Die den Geistern opfern, gehen zu den Geistern.
Die aber mir opfern gehen zu mir.

Neunter Gesang (V. 23-25). Rede Krishnas an Arjuna.
Bhagavad Gita. Der Gesang des Erhabenen. Aus dem Sanskrit übersetzt und herausgegeben von Michael von Brück. Frankfurt/M. und Leipzig: Verlag der Weltreligionen (Insel-Verlag) 2007, S. 66
Stuttgart: Reclam TB 7874/75, 1974 u.ö., hier S. 62




IBN ARABI VON MURCIA
(1165-1240)


         DIE RELIGION DER LIEBE

         Jetzt können alle Bilder und Formen
Platz in meinem Herzen finden,
denn mein Herz
wurde eine Weide für die Gazellen,
ein Kloster für die Mönche,
ein Tempel für die Götzen (aus "Götter" möglich),
eine Kaaba des Tawaf (= Umkreisung der Ka’ba),
eine Tafel der Tora
und ein Buch des Korans.
Ich gehöre der Religion der Liebe (an)
und wandele mit festen Schritten auf ihrer Karawanenstraße,
denn Liebe ist mein Bekenntnis und mein Glaube.     

Eigene Übersetzung aus: L'interprète des désirs. Paris: A. Michel 1996, S. 117f

Diesen Text hat Karl-Josef Kuschel zitiert in: Vom Streit zum Wettstreit der Religionen. Lessing und die Herausforderung des Islam. Düsseldorf: Patmos 1998, S. 292. Er hat den Text folgendermaßen wiedergegeben:
„Mein Herz ist für jede Form (des Glaubens) aufnahmefähig geworden.
Es ist daher ein Weideplatz für indische Weisheit,
Ein Kloster für christliche Mönche,
ein Tempel für Götzen,
eine Ka'ba für muslimische Pilger,
Die Gesetzestafeln der Tora
Und die Buchrolle des Koran.
Ich hänge der Religion der mystischen Liebe an.
Wohin auch immer die Kamele ihren Weg nehmen!
Dies ist meine Religion und mein Glaube!


DSCHELALEDDIN RUMI (1207–1273)
DER TEMPEL GOTTES IM HERZEN

Ghaselen XL: Pilger zur Kaaba
Die hin zur Kaaba pilgern gehn,
Wenn nun an ihrem Ziel sie stehn,
In einem Tale ohne Saat
Ein altes Haus von Stein sie sehn.
Sie gingen hin, um Gott zu schaun'n;
Und nun um's Haus im Kreis sich drehn.
Wann sie sich lange so gedreht,
So hören sie die Stimme wehn:
Was, Toren, ruft ihr an den Stein?
Wer wird vom Steine Brot erflehn?
Wenn ihr den Tempel Gottes sucht,
In eurem Herzen tragt ihr den.
Wohl dem, der bei sich selbst kehrt ein,
Statt pilgernd Wüsten durch zu gehn.


Aus: Mewlana Dschelaleddin Rumi: Das Meer des Herzens geht in tausend Wogen: Ghaselen.
Aus dem Persischen von Friedrich Rückert. Frankfurt/M.: Dagyeli 1988, S. 46

ER WAR AN EINEM ANDEREN ORT
Kreuz und Christen – Von einem Ende zum anderen.
Ich prüfte – ER war nicht am Kreuz.
Ich ging zum Hindu-Tempel, zur alten Pagode,
In keinem von ihnen war irgendein Zeichen.
Ich ging ins Hochland von Herat und nach Kandahar.
Ich sah nach.
ER war weder auf den Höhen noch im Tiefland.
Ganz entschlossen stieg ich auf den Gipfel des Kat-Berges.
Dort war nur die Wohnung des Anqa-Vogels.
Ich ging zur Kaaba nach Mekka.
ER war nicht da.
Ich fragte nach IHM bei Avicenna.
ER war jenseits der Reichweite von Avicenna.
Ich sah in mein eigenes Herz,
Dort, an diesem Ort, da sah ich IHN.
ER war an keinem anderen Ort

Aus den Ghaselen, aus einer englischen Vorlage von Reinhard Kirste übersetzt
vgl.: Gesänge des tanzenden Gottesfreundes. Aus der Dichtung des persischen Mystikers Rumi.
Mit Ornamenten von Karl Thylmann. Übertragen und geschrieben von Linde Thylmann.
Herder-Bücherei: Texte zum Nachdenken Bd. 679. Freiburg u.a.: Herder 1978, S. 33

RABINDRANATH TAGORE (1861–1941)

Wo suchst du MICH denn, mein Diener?
Schau,
ICH bin neben dir.
ICH bin nicht im Tempel, nicht in der Moschee,
nicht in der Kaaba, auch nicht am Kailash.
ICH bin nicht in den Riten und feierlichen Bräuchen,
nicht im Yoga
und in der Entsagung.
Wenn du
ein wahrer Gottsucher
bist,
dann wirst du MICH
ganz plötzlich sehen;
Du sollst MIR in einem einzigen Augenblick begegnen.
Kabir sagt: „O Sadhu! Gott ist der Atem allen Atems“.

Rabindranath Tagore: Hundert Gedichte Kabirs. Freiburg/Br. O.J.: Hyperion o.J.,
zitiert in Monika und Udo Tworuschka (Hg.): Die Seele ist wie ein Wind. Weisheit der Religionen. Zürich/Düsseldorf: Benziger 1999, S. 26.

YUNUS EMRE (ca. 1271–1321)
DER EINE, EINZIGE GOTT

Lob des einen, einzigen Gottes
Mit Bergen und mit Steinen auch
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit Vögeln früh im Morgenhauch
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit Fischen in des Wassers Grund,
Gazellen in der Wüste rund,
Mit "Yahu!" aus der Toren Mund
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit Jesus hoch im Himmelsland,
mit Moses an des Berges Rand,
mit diesem Stab in meiner Hand
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit Hiob, der vor Schmerz versteint,
mit Jakob, dessen Auge weint,
und mit Muhammad, Deinem Freund,
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit Dank und Preis und Lobeswort,
mit "Gott ist Einer" höchstem Wort,
barhäuptig, barfuß, immerfort
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit lesend frommer Zungen Hallen,
mit Turteltauben, Nachtigallen,
mit denen, die Gott lieben, allen,
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!

Yunus Emre (ca. 1271-1321), türkisch-mystischer Dichter, der zum ersten Mal seine Muttersprache für seine religiöse, volkstümliche Poesie verwendete.
Zitiert aus: Annemarie Schimmel
(Hg. und übersetzt aus dem Persischen, Urdu, Sindhi, Paschto und Pandschabi):
Nimm eine Rose und nenne sie Lieder.
Poesie der islamischen Völker. Köln. Diederichs 1987, S. 313

  ANGELUS SILESIUS (Johannes Scheffler, 1624–1677)

196. Gott hat alle Nahmen und keinen
Man kann den höchsten Gott mit allen Namen nennen:
Man kann ihm wiederum nicht  einen zuerkennen.


197. Gott ist nichts und alles
Gott der ist nicht und alls ohn alle Deutelei:
Denn nenn; was das Er ist? auch was das Er nicht sei?


Angelus Silesius - der schlesische Engel, eigentlich: Johannes Scheffler (1624-1677):
Aus dem Cherubinischen Wandersmann. Kritische Ausgabe.
Hg.  Louise Gnädinger. Stuttgart: Reclam TB 8006[5], 1985 u.ö., Fünftes Buch, S. 216



GOTTHOLD EPHRAIM LESSING (1729–1781): 
NATHAN DER WEISE


Die Begegnung der Religionen wird in der Aufklärung bewusst und auch kirchenkritisch thematisiert.
Die auf Boccaccio zurückgehende Ringparabel, die Gotthold Ephraim Lessing in einen szenischen Kontext setzt, wird sehr schnell als Dokument der Toleranz gepriesen. Auch ihre Wirkungsgeschichte ist bis heute keineswegs abgeschlossen, ja es stellt sich ernsthaft die Frage, ob das Christentum in seiner Gänze wirklich hinter dieser Aussage steht:
                                      Es eifre jeder seiner unbestochnen
                                von Vorurteilen freien Liebe nach!
                                Es strebe von euch jeder um die Wette,
                                die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
                                zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut,
                                mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
                                mit innigster Ergebenheit in Gott
                                zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
                                bei euern Kindes-Kindern äußern,
                                so lad ich über tausend tausend Jahre
                                sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
                                ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
                                als ich und sprechen, geht!
Nathan der Weise, 3. Aufzug, 7. Auftritt



FRIEDRICH DER GROSSE (1712–1786): RANDGLOSSEN

Friedrich II. d. Gr. von Preußen war für seine Randglossen berühmt. Am 23. Juli 1749 setzte er durch, dass das evangelisch geprägte Glogau, der katholischen Kirche die gleichen Rechte zukommen lassen musste:

„Die Religionen müssen alle tolerieret werden, und muss der Fiskal nur das Auge darauf haben, dass keine der anderen Abbruch tue, denn hier muss ein jeder nach seiner Fasson (= Konfession) selig werden.“ Im gleichen Jahr heißt es auf eine Anfrage des Stadtrates von Frankfurt/Oder, ob ein katholischer Kaufmann das Bürgerrecht erwerben dürfe: „Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, so sie professieren (= bekennen), ehrliche Leute sind. Und wenn Türken (= Muslime) und Heiden (= Nichtchristen) kämen und wollten das Land peuplieren (= bevölkern), so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen. Ein jeder kann bei mir glauben, was er will, wenn er nur ehrlich ist.“

(z.T. zitiert nach H. Rössler: Größe und Tragik des christlichen Europas <1955> und wieder aufgenommen in: Christen im Dialog mit den Weltreligionen. Arbeitsblätter Sekundarstufe II. Stuttgart/Leipzig: Klett 1996, S. 13, M 2).



JOHANN WOLFGANG VON GOETHE (1749–1832)
SICH ZWISCHEN DEN WELTEN WIEGEN


Wer sich selbst und andre kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Occident
Sind nicht mehr zu trennen:

Sinnig zwischen beiden Welten.
Sich zu wiegen, lass ich gelten;
Also zwischen Ost und Westen
Sich bewegen, sei's zum Besten.

West-östlicher Divan, Nachtrag, 1825/26


Dieses Baumes Blatt, der von Osten
meinem Garten anvertraut,
gibt geheimen Sinn zu kosten,
wie's den Wissenden erbaut.
Ist es ein lebendig Wesen,
das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
dass man sie als eines kennt.

Solche Frage zu erweitern,
fand ich wohl den rechten Sinn:
Fühlst Du nicht in meinen Liedern,
dass ich eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe,
aus dem West-östlichen Divan



  
FRIEDRICH SCHILLER (1759–1805): 
MEINE RELIGION

Mein Glaube:
"Welche Religion ich bekenne?
Keine von allen, die du mir nennst!"
Und warum keine?
"Aus Religion"
                                                                               Epigramm 1797

Die Vielfalt der Heiligen Schriften

MARTIN BUBER (1878–1975): DER BESONDERE WEG
Gott sagt nicht: »Das ist ein Weg zu mir, das aber nicht«, sondern er sagt: »Alles, was du tust, kann ein Weg zu mir sein, wenn du es nur so tust, dass es dich zu mir führt.« Was aber dies ist, das eben dieser Mensch und kein anderer tun kann und tun soll, kann ihm nur aus ihm nur aus ihm selber offenbar werden. Hier kann, wie gesagt, nur irreführen, wenn einer darauf schaut, wie weit es ein anderer gebracht hat, und es ihm  nachzutun trachtet; denn dabei entgeht ihm eben, wozu er und nur er allein berufen ist. Der Baalschem (Rabbi Israel ben Elieser, 1700-1760) sagt: »Jedermann soll sich seiner Stufe entsprechend verhalten. Geschieht dem aber nicht so: wer die Stufe seines Gefährten erfasst und seine eigne fahren lässt, diese und jene werden durch ihn nicht verwirklicht werden.«Auf welchem Weg ein Mensch zu Gott gelangt, kann somit nichts anderes ihm sagen als die Erkenntnis seines eigenen Wesens, die Erkenntnis seiner wesentlichen Eigenschaft und Neigung. »In jedermann ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist. Was aber in einem Menschen »kostbar« ist, kann er nur entdecken, wenn er sein stärkstes Gefühl, seinen zentralen Wunsch, das in ihm, was sein Innerstes bewegt, wahrhaft erfasst.“
Martin Buber: Der Weg des Menschen nach chassidischer Lehre.
 Heidelberg: Lambert Schneider 199411, S. 19f


AUSDRUCK DES WELT– UND ZEITVERSTÄNDNISSES
  
Diese chinesischen Schriftzeichen bedeuten:
Ein Gedanke 3000 [Welten]: Yi niën san qiën (japanisch: ichinen sanzen)
Jeder Augenblick und jedes Phänomen enthält das gesamte Universum in sich.
Alles ist miteinanderverbunden; alles ist in jedem enthalten.
Damit fallen Zeit und Ewigkeit zusammen,
aber auch der Raum ist „aufgehoben“.


Zusammenstellung: Reinhard Kirste
relpäd/Mystik/Gleichwertigkeit