Donnerstag, 16. November 2017

Die Vision von der Gleichwertigkeit der Religionen --- Texte vom Mittelalter bis in die Neuzeit ---


Altar religiöser Vielfalt
IBN ARABI 

VON MURCIA
(1165-1240)


DIE RELIGION

DER LIEBE
           Jetzt 
           können
alle Bilder und Formen
Platz in meinem Herzen finden,
denn
mein Herz
wurde eine Weide für die Gazellen,
ein Kloster für die Mönche,
ein Tempel für die Götzen (aus "Götter" möglich),
eine Kaaba des Tawaf (= Umkreisung der Ka’ba),
eine Tafel der Tora
und ein Buch des Korans.
Ich gehöre der Religion der Liebe
und wandele mit festen Schritten auf ihrer Karawanenstraße,
denn Liebe ist mein Bekenntnis und mein Glaube.     

Eigene Übersetzung aus: L'interprète des désirs. Paris: A. Michel 1996, S. 117f

Diesen Text hat Karl-Josef Kuschel zitiert in: Vom Streit zum Wettstreit der Religionen. Lessing und die Herausforderung des Islam. Düsseldorf: Patmos 1998, S. 292. Er hat den Text folgendermaßen wiedergegeben:
„Mein Herz ist für jede Form (des Glaubens) aufnahmefähig geworden.
Es ist daher ein Weideplatz für indische Weisheit,
Ein Kloster für christliche Mönche,
ein Tempel für Götzen,
eine Ka'ba für muslimische Pilger,
Die Gesetzestafeln der Tora
Und die Buchrolle des Koran.
Ich hänge der Religion der mystischen Liebe an.
Wohin auch immer die Kamele ihren Weg nehmen!
Dies ist meine Religion und mein Glaube!


DSCHELALEDDIN RUMI (1207–1273)
DER TEMPEL GOTTES IM HERZEN

Ghaselen XL: Pilger zur Kaaba
Die hin zur Kaaba pilgern gehn,
Wenn nun an ihrem Ziel sie stehn,
In einem Tale ohne Saat
Ein altes Haus von Stein sie sehn.
Sie gingen hin, um Gott zu schaun'n;
Und nun um's Haus im Kreis sich drehn.
Wann sie sich lange so gedreht,
So hören sie die Stimme wehn:
Was, Toren, ruft ihr an den Stein?
Wer wird vom Steine Brot erflehn?
Wenn ihr den Tempel Gottes sucht,
In eurem Herzen tragt ihr den.
Wohl dem, der bei sich selbst kehrt ein,
Statt pilgernd Wüsten durch zu gehn.


Aus: Mewlana Dschelaleddin Rumi: Das Meer des Herzens geht in tausend Wogen: Ghaselen.
Aus dem Persischen von Friedrich Rückert. Frankfurt/M.: Dagyeli 1988, S. 46

ER WAR AN EINEM ANDEREN ORT
Kreuz und Christen – Von einem Ende zum anderen.
Ich prüfte – ER war nicht am Kreuz.
Ich ging zum Hindu-Tempel, zur alten Pagode,
In keinem von ihnen war irgendein Zeichen.
Ich ging ins Hochland von Herat und nach Kandahar.
Ich sah nach.
ER war weder auf den Höhen noch im Tiefland.
Ganz entschlossen stieg ich auf den Gipfel des Kat-Berges.
Dort war nur die Wohnung des Anqa-Vogels.
Ich ging zur Kaaba nach Mekka.
ER war nicht da.
Ich fragte nach IHM bei Avicenna.
ER war jenseits der Reichweite von Avicenna.
Ich sah in mein eigenes Herz,
Dort, an diesem Ort, da sah ich IHN.
ER war an keinem anderen Ort

Aus den Ghaselen, aus einer englischen Vorlage von Reinhard Kirste übersetzt
vgl.: Gesänge des tanzenden Gottesfreundes. Aus der Dichtung des persischen Mystikers Rumi.
Mit Ornamenten von Karl Thylmann. Übertragen und geschrieben von Linde Thylmann.
Herder-Bücherei: Texte zum Nachdenken Bd. 679. Freiburg u.a.: Herder 1978, S. 33

RABINDRANATH TAGORE (1861–1941)

Wo suchst du MICH denn, mein Diener?
Schau,
ICH bin neben dir.
ICH bin nicht im Tempel, nicht in der Moschee,
nicht in der Kaaba, auch nicht am Kailash.
ICH bin nicht in den Riten und feierlichen Bräuchen,
nicht im Yoga
und in der Entsagung.
Wenn du
ein wahrer Gottsucher
bist,
dann wirst du MICH
ganz plötzlich sehen;
Du sollst MIR in einem einzigen Augenblick begegnen.
Kabir sagt: „O Sadhu! Gott ist der Atem allen Atems“.

Rabindranath Tagore: Hundert Gedichte Kabirs. Freiburg/Br. O.J.: Hyperion o.J.,
zitiert in Monika und Udo Tworuschka (Hg.): Die Seele ist wie ein Wind. Weisheit der Religionen. Zürich/Düsseldorf: Benziger 1999, S. 26.

YUNUS EMRE (ca. 1271–1321)
DER EINE, EINZIGE GOTT

Lob des einen, einzigen Gottes
Mit Bergen und mit Steinen auch
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit Vögeln früh im Morgenhauch
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit Fischen in des Wassers Grund,
Gazellen in der Wüste rund,
Mit "Yahu!" aus der Toren Mund
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit Jesus hoch im Himmelsland,
mit Moses an des Berges Rand,
mit diesem Stab in meiner Hand
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit Hiob, der vor Schmerz versteint,
mit Jakob, dessen Auge weint,
und mit Muhammad, Deinem Freund,
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit Dank und Preis und Lobeswort,
mit "Gott ist Einer" höchstem Wort,
barhäuptig, barfuß, immerfort
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit lesend frommer Zungen Hallen,
mit Turteltauben, Nachtigallen,
mit denen, die Gott lieben, allen,
          Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!

Yunus Emre (ca. 1271-1321), türkisch-mystischer Dichter, der zum ersten Mal seine Muttersprache für seine religiöse, volkstümliche Poesie verwendete.
Zitiert aus: Annemarie Schimmel
(Hg. und übersetzt aus dem Persischen, Urdu, Sindhi, Paschto und Pandschabi):
Nimm eine Rose und nenne sie Lieder.
Poesie der islamischen Völker. Köln. Diederichs 1987, S. 313

  
GOTTHOLD EPHRAIM LESSING (1729–1781): 

NATHAN DER WEISE

Die Begegnung der Religionen wird in der Aufklärung bewusst und auch kirchenkritisch thematisiert. Die auf Boccaccio zurückgehende Ringparabel, die Gotthold Ephraim Lessing in einen szenischen Kontext setzt, wird sehr schnell als Dokument der Toleranz gepriesen. Auch ihre Wirkungsgeschichte ist bis heute keineswegs abgeschlossen, ja es stellt sich ernsthaft die Frage, ob das Christentum in seiner Gänze wirklich hinter dieser Aussage steht:
                                      Es eifre jeder seiner unbestochnen
                                von Vorurteilen freien Liebe nach!
                                Es strebe von euch jeder um die Wette,
                                die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
                                zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut,
                                mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
                                mit innigster Ergebenheit in Gott
                                zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
                                bei euern Kindes-Kindern äußern,
                                so lad ich über tausend tausend Jahre
                                sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
                                ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
                                als ich und sprechen, geht!
Nathan der Weise, 3. Aufzug, 7. Auftritt



FRIEDRICH DER GROSSE (1712–1786): RANDGLOSSEN

Friedrich II. d. Gr. von Preußen war für seine Randglossen berühmt. Am 23. Juli 1749 setzte er durch, dass das evangelisch geprägte Glogau, der katholischen Kirche die gleichen Rechte zukommen lassen musste:

„Die Religionen müssen alle tolerieret werden, und muss der Fiskal nur das Auge darauf haben, dass keine der anderen Abbruch tue, denn hier muss ein jeder nach seiner Fasson (= Konfession) selig werden.“ Im gleichen Jahr heißt es auf eine Anfrage des Stadtrates von Frankfurt/Oder, ob ein katholischer Kaufmann das Bürgerrecht erwerben dürfe: „Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, so sie professieren (= bekennen), ehrliche Leute sind. Und wenn Türken (= Muslime) und Heiden (= Nichtchristen) kämen und wollten das Land peuplieren (= bevölkern), so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen. Ein jeder kann bei mir glauben, was er will, wenn er nur ehrlich ist.“

(z.T. zitiert nach H. Rössler: Größe und Tragik des christlichen Europas <1955> und wieder aufgenommen in: Christen im Dialog mit den Weltreligionen. Arbeitsblätter Sekundarstufe II. Stuttgart/Leipzig: Klett 1996, S. 13, M 2).



JOHANN WOLFGANG VON GOETHE (1749–1832)
SICH ZWISCHEN DEN WELTEN WIEGEN


Wer sich selbst und andre kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Occident
Sind nicht mehr zu trennen:

Sinnig zwischen beiden Welten.
Sich zu wiegen, lass ich gelten;
Also zwischen Ost und Westen
Sich bewegen, sei's zum Besten.

West-östlicher Divan, Nachtrag, 1825/26


Dieses Baumes Blatt, der von Osten
meinem Garten anvertraut,
gibt geheimen Sinn zu kosten,
wie's den Wissenden erbaut.
Ist es ein lebendig Wesen,
das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
dass man sie als eines kennt.

Solche Frage zu erweitern,
fand ich wohl den rechten Sinn:
Fühlst Du nicht in meinen Liedern,
dass ich eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe,
aus dem West-östlichen Divan



  
FRIEDRICH SCHILLER (1759–1805): 
MEINE RELIGION

Mein Glaube:
"Welche Religion ich bekenne?
Keine von allen, die du mir nennst!"
Und warum keine?
"Aus Religion"
                                                                               Epigramm 1797

Die Vielfalt der Heiligen Schriften

MARTIN BUBER (1878–1975): DER BESONDERE WEG
Gott sagt nicht: »Das ist ein Weg zu mir, das aber nicht«, sondern er sagt: »Alles, was du tust, kann ein Weg zu mir sein, wenn du es nur so tust, dass es dich zu mir führt.« Was aber dies ist, das eben dieser Mensch und kein anderer tun kann und tun soll, kann ihm nur aus ihm nur aus ihm selber offenbar werden. Hier kann, wie gesagt, nur irreführen, wenn einer darauf schaut, wie weit es ein anderer gebracht hat, und es ihm  nachzutun trachtet; denn dabei entgeht ihm eben, wozu er und nur er allein berufen ist. Der Baalschem (Rabbi Israel ben Elieser, 1700-1760) sagt: »Jedermann soll sich seiner Stufe entsprechend verhalten. Geschieht dem aber nicht so: wer die Stufe seines Gefährten erfasst und seine eigne fahren lässt, diese und jene werden durch ihn nicht verwirklicht werden.«Auf welchem Weg ein Mensch zu Gott gelangt, kann somit nichts anderes ihm sagen als die Erkenntnis seines eigenen Wesens, die Erkenntnis seiner wesentlichen Eigenschaft und Neigung. »In jedermann ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist. Was aber in einem Menschen »kostbar« ist, kann er nur entdecken, wenn er sein stärkstes Gefühl, seinen zentralen Wunsch, das in ihm, was sein Innerstes bewegt, wahrhaft erfasst.“
Martin Buber: Der Weg des Menschen nach chassidischer Lehre.
 Heidelberg: Lambert Schneider 199411, S. 19f


AUSDRUCK DES WELT– UND ZEITVERSTÄNDNISSES
  
Diese chinesischen Schriftzeichen bedeuten:
Ein Gedanke 3000 [Welten]: Yi niën san qiën (japanisch: ichinen sanzen)
Jeder Augenblick und jedes Phänomen enthält das gesamte Universum in sich.
Alles ist miteinanderverbunden; alles ist in jedem enthalten.
Damit fallen Zeit und Ewigkeit zusammen,
aber auch der Raum ist „aufgehoben“.


Zusammenstellung: Reinhard Kirste
relpäd/Mystik/Gleichwertigkeit


Montag, 30. Oktober 2017

Der echte Ring in Lessings Nathan (aktualisiert)



Historischer Rückblick
und Streit um die Wahrheit

Nathan, der Weise, dieses kunstvoll zusammengefügte Drama Gotthold Ephraim Lessings, entstand, als ihm seine Streitschriften gegen den orthodoxen Hauptpastor Johann Melchior Goeze in Hamburg verboten wurden. Immerhin hatte er mit der Veröffentlichung der Schriften des Hermann Samuel Reimarus eine Lawine losgetreten, die die bornierten Bekenner des Glaubens auf den Plan rief. Sie sahen das ganze christliche Weltgefüge wieder einmal aufs Tiefste bedroht, sie sehen es noch heute bedroht. Andere Religionen, besonders Judentum und Islam werden immer wieder verzerrt dargestellt - trotz besserer Information. Auch manche Christen können wohl ohne Feindbild nicht leben, obwohl ihnen Jesus anderes verkündigte. Um gegen die Feindbilder und die Intoleranz anzugehen, um die Gleichwertigkeit (nicht Gleichheit) der Religionen zu betonen, steigt Lessing mit dem "Nathan" auf „seine“ Kanzel, das Theater: „Ich muss versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, dem Theater, wenigstens noch ungestört will predigen lassen“.

Gegen die Intoleranz seiner Gegner stellt er das Humanitätsideal der „von Vorurteilen freien Liebe“ auf, das sich an der Menschlichkeit in allen Religionen orientiert und in der Weisheit gelebten Glaubens seine höchste Verdichtung findet. 
Nathan wird zur Idealfigur, der Weise hat schon gelernt
Der kluge Sultan lässt sich auf die Weisheit der Toleranz ein
Die beiden Frauen, Recha und die Sultansschwester Sittah treiben diese Gedanken mit Charme voran
selbst der sympathische, aber doch am christlichen Absolutheitsanspruch krampfhaft festhaltende Tempelherr sieht sich zu guter Letzt in eine Verwandtschaftslinie gestellt, in der Juden, Muslime und Christen gleichermaßen Platz haben. Aus solcher Verwandtschaft kann man sich nicht herausstehlen.

Vgl. auch: "Nathan der Weise" als Anregungsmuster für interreligiöses Lernen



Vorüberlegung I: Weisheit ist alles
Theosophia: Gott ist alles,alles in allem.
Dies zu entdecken,
das heißt Weisheit.
Theosophia,das ist:
Gottes Weisheit oder
Weisheit göttlich,
oder: das ist,
wenn Mystik das Sagen hat.
Das ist schon die ganze Weisheit,
ganz die Weisheit: Pansophia.
Ach ja,
eine Schule voller Weisheit.
Die Vorläufer sind da,
wo bleiben die Nachahmer?

Anklänge an Johann Amos Comenius :
„ Pansophiae Prodromus“ = Vorläufer der Pansophia, 1634-1636
und die “Schola pansophiae“ als Teil einer universalen Bildung des Geistes (seit 1644, unvollendet)



Vorüberlegung II: Synkretismus von griech. synkerannimi = zusammengießen

Wenn Religionen zusammenfließen,
und doch sie selbst bleiben,
und so konkret,
mehr noch synkret werden.
Weisheit trennt nicht,
Weisheit führt zusammen,
Mut synkret zu werden,
Weisheit ist auch -
Synkretismus.

Der Hintergrund der Geschichte

Dies ist die Geschichte von einer Wirklichkeit,

die tiefer geht,

nicht hochgestapelte,

sondern tief-er-greifende Realität.

Dies ist auch die Geschichte von einem Mann

und vielen ungeahnten

Glaubensverwandten.

Nathan, der Weise ist allerdings auch die Geschichte,

wie Verwandte miteinander umgehen,

und es ist die Geschichte,

wie sie miteinander umgehen könnten,

sollten -

in Gottes Namen.



             gott hat viele namen
             nicht nur einen
             nicht nur 99
             nicht nur drei
             gott hat keinen namen
             weder 99
             weder drei
             noch einen
             denn gott ist aller

Ganz in der Weisheit handeln,

das ist Nathans Pan-Sophia,

aber das weise Spiel

wollen viele nicht

mitspielen.

Es ist das Spiel,

wo es am Schluss keine Verlierer gibt.

Zwischendurch allerdings

gibt es genügend Leute,

die das weise Spiel,

das Spiel der Weisen

kippen wollen.

Da sind also Spieler, Mitspieler

und Spielverderber.

Der Ort der Handlung: Jerusalem, für drei Religionen heilig


  • Abraham wollte seinen Sohn auf dem Berge Morija opfern, das ist der Berg Zion. Was Juden glauben, sehen Muslime so ähnlich (vgl. Genesis 22,1-18 mit Sure 37,99-112).
  • Der Tempel Salomos stand auf dem Tempelberg, heute steht der Felsendom an dieser Stelle. Hier trat der Prophet Mohammed seine Himmelsreise an.
  • Auf dem nahen Berg Golgatha, wurde Jesus gekreuzigt und im Schatten des Tempelbergs begraben, so erzählen die Christen.
  • Alle drei Religionen erzählen noch mehr von den Wundern Gottes in dieser Stadt, aber auch von ihren Wunden.

DIE AKTEURE


Recha


Der Krieg nahm ihr den Vater.
Das elternlose Kind jedoch,

fand wieder einen Vater,
und was für einen Vater -
ein Jude aus Jerusalem.




Nathan, der wird zu Rechas wahrem Vater,

wenn auch nicht nach den Genen,

so doch nach dem Geist.

Andere sehen’s anders:

Es gibt Verwandtschaftsregeln:

Recht des Blutes, jus sanguinis,

für wen bloß?

Blut- und Bodentheorie -
im Sinne rassistischer Verwandtschaftspflege.

Doch schlimmer noch für jede Apartheid:

Nicht nur nicht leiblich Kind,

auch noch Christentum verraten:

Ein Christenkind, doch jüdisch adoptiert.

O Gott, i gitt,

der Jude gar als wahrer Vater,

wo führt das hin,

wenn für die wahre Vaterschaft

nur noch die Liebe geltend ist.

Der Jude Nathan ist Vater eines Christenkindes,

erzieht es jüdisch,

ebenso wie er als  Jude Gott versteht: von Herzen.

Das junge Mädchen ahnungslos,

was ihre Herkunft betrifft,

jedoch nicht ahnungslos,

was sie bewegt:

Die junge Frau,

die sich nicht nur nach Vaterliebe sehnt ...

Nathan und seine wahre Tochter


Nathan, Geschäftsmann durch und durch,

aber nicht von der Sorte,

denen der Gewinn alles

und die Dividende das Leben bedeuten,

deren Bilanzen Menschenleben kosten.

Nathan. auch kein Kriegsgewinnler;

der Krieg hat vielmehr den Ruin gebracht.

Die eignen Söhne starben
im Feuerwerk,

das fromme Ritter

gegen alles abbrannten,

was nicht das Kreuz vor sich trug.

Recha die Kriegswaise,

eine Tochter,

die ihm nun so viel bedeutet wie drei Söhne.

Vaterliebe, die nur Kinder

und keine Glaubensgrenzen kennt.

Daja


Die Dienerin in Nathans Hause,

nicht nur getauft.

Ihr Christentum

ist von der eignen Wahrheit

ganz durchtränkt.

Dem Juden macht es nichts,

was seine Diener glauben,

Hauptsache, sie glauben an die Liebe.

Aufrichtigkeit nicht Rechtgläubigkeit zählt,

das Tun und nicht die frommen Worte.

Daja, die Dienerin,

geschickte Hände und flink in den Beinen

vor dem Kopf jedoch ein Brett,

gezimmert aus den Vorurteilen der Jahrtausende.

Der Blick verengt,

auch wenn sie gern den Dienstlohn

von dem Juden nimmt.

Der junge Tempelherr


Ein hübscher Kerl, auch mutig,

nicht grad ein Denker,

aber doch ein Tempelherr.

Kein Milizionär, aber doch befehlsgewohnt.

Er zückt sein Schwert in Jesu Namen

und merkt dabei die Widersprüche nicht.

Er ein Soldat mit beichtgetränkter Rittertugend,

der Christen rettet gegen Muselmanen.

Doch auch bei ihm ein Rest von Jesu Geist,

wenn er die Schwachen schützt.

Die edle Tat, sie ziemt dem Ritter wohl;

der Krieg hat ihn noch nicht

total verdorben.

Die junge Recha erregte seinen Rettungssinn.

Nur gibt’s auch Juden in Jerusalem,

und das hat ungeahnte Folgen.

Ein frommer Ritter rettet jüdisch Mädchen,

die vom Ursprunge Christin ist;

da gibt’s in manchen Hirnen Probleme ob der Rettung.

Die Frage ist, ob da nicht doch noch mehr zu retten sei,

zum Beispiel die verirrte Seele ...

Die Folgen sieht der fromme Ritter nicht,

zuerst einmal ist’s ganz egal,

Hauptsache Rettung,

aber als dann der Jude Nathan kommt,

dem Christenretter Dank zu sagen,

auf einmal zählt Bekenntnis,

ein ausgeformtes Credo,

das sich da zwischen Menchen schiebt.

Dem Christen geht sein Christsein vor,

da hinkt das Menschsein nach.

Ein Christ im Hause eines Juden?

Das ist dem orthodoxen Sinne nicht gemäß,

da gibt es klare Grenzen.

Im Glaubenszweifel rangiert das Credo

vor der Menschlichkeit.

Der Sultan mit der klugen Schwester


Jerusalem wird immer noch durch Ketzerei regiert,

den meisten Christen graut’s vorm Muselman,

sind dies doch Allahs Heil’ge Krieger,

ohn’ jegliches Erbarmen,

wie Presse allerorten genüßlich zu berichten weiß -

Terroristen, die mit der grünen Fahne des Propheten

das Schwert Allahs erbarmungslos

ins Abendland hineinzutragen drohen.

Dennoch, der Tempelherr lebt recht genehm

im Staate des Islam,

denn diese Stadt Jerusalem
und überhaupt die ganze Gegend

regiert ein Muselman,

der, wie man es auch dreht und wendet

ins alte, neue Feindbild gar nicht passen will.

Er ist mitnichten ein Fanatiker,

der seine Fatwas gegen alles schleudert,

was eignem Glauben dunkle Schatten bringt.

Schon gar nicht schleichen seine Milizionäre

des nachts um Häuserblocks,

um unsittsame Haltung auszupeitschen

oder gar in des Wortes eigenster Bedeutung

der Wahrheit eine Gasse freizuschießen.

Am Hofe dieses Sultans steht kein Krieger Gottes,


da ist die Herrschaft multikulturell;

und unter dieser Herrschaft leben Juden, Christen und Muslime

sehr lebhaft friedlich.

Und noch ein weitres Glück,

dass bei diesem  Herrscher

Sittah, die charmante Schwester, sitzt,

nicht abgeschottet hinter Tuch und Schleier,

sondern vorn im Rat der Weisen,

natürlich zum Ärger aller Patriarchen,

die Männerherrschaft für gottgegeben halten.

Doch kluge Frauen sind

selbst vorn in Staat und Politik

noch nicht Garanten des Gemeinwohls.

So stört selbst unter quasi-demokratischen Bedingungen

Finanznot ganz erheblich den so toleranten Muselman.

Und nicht vergessen:

Bei leerer Kasse sind schon manch hehre Ideale

nur allzu schnell zu Bruch gegangen.

Das Problem mit dem Geld, der Politik und der Wahrheit

Regieren kostet nun mal Geld,

und dieses bringt der Steuer-Zahler,

und wenn das Geld nicht reicht,

ist meistens Pump schon angesagt.

Pecunia non olet, Geld stinkt ja nicht,

ein alter Römerspruch und zeitlos wahr.

Allerdings,

und hier kann sich das Negative

doch noch ins Positive wenden,

wenn kluger Frauen Rat geachtet wird.

Denn das sind diese Frauen,

die Grenzen von Religion und Macht

schon längst im Geiste überwunden haben.
Und noch ein Zweites kommt hinzu:
Das Kapital kennt keine Religion,
und darum pfeift die Wirtschaft oft genug auf die Moral.
Jedoch in diesem Falle
kann dieser Pfiff sogar von Nutzen sein,
wenn Religionen

ihre Wahrheit durchzusetzen suchen.

Und auch ein Drittes hilft zuweilen:

Geld stinkt zwar nicht,

muss aber nicht die Seele korrumpieren.

Das gibt es auch,

dass einer nicht aus Geldgier leiht
- und der ist ausgerechnet Jude!

Dem Sultan ist’s nur gar zu peinlich,

dass materielles Denken

den wahren Geistesfortschritt hemmt.

Und er ist froh, in Nathan einen Mann zu finden,

dem nicht Gewinn und Dividende,

vielmehr der Frieden in das Herz geschrieben ist.

Da wird Geschäft Begegnung,

und Geld gerät zur Nebensache.

Da geht der Streit um wahr-haft And'res:

Gibt`s überhaupt die wahre Religion

und welche ist es denn?

Das will nicht nur der Sultan wissen.

Nur, wer solche Fragen stellt,

den holt sehr schnell das Ungewohnte ein.

Wer unterwegs zur Wahrheit ist, 
muss entdecken,

dass Endgültiges dem Himmel vorbehalten bleibt.

Da geht das schönste Vorurteil zu Bruch -

zumindest bei diesem Wahrheitspluralismus.

Und es geschieht noch mehr:

Aus einer finanziellen Transaktion
wird menschliche Begegnung

trotz Kreuzzug und trotz Palästinakrieg.


Denn menschliche Begegnung

löscht Wahrheitsfragen nicht,

sie macht sie vielmehr angenehm,

denn die Antwort auf die Frage
nach der Wahrheit heißt hier: 
Die Ringparabel

Ein wunderschönes Gleichnis,
von dem man eigentlich nur hoffen kann,

dass es nicht im Fantasialand versinkt,

vielmehr die Wirklichkeit verändert:
Boccaccio war schon fasziniert,
und Lessing hat’s neu arrangiert,
denn seltsam ist es schon,
wie das sich zutrug mit dem Ring.

Mancher versteht’s beim besten Willen nicht,

und mancher will’s auch nicht versteh'n,

und mancher versteht’s dann schließlich doch,

und einige geh'n verwandelt hin:

Was erzählt denn nun der weise Nathan seinem klugen Sultan?

Erben ist bekanntermaßen eine schwierige Geschichte,


besonders wenn’s um großen Reichtum und um Anerkennung geht.

Hier erfahren wir, dass legitime Erben

(männlich wohlgemerkt - wo sind denn da die Frauen?),

schon über viele Generationen

den Ring des Reichtums

- äußerlich und innerlich -

ihrem liebsten Sohn geben.

So wird vererbt nach Männer Sitte,

solange die Verteilung klar.

Das geht auch ausgesprochen lange gut,

bis schließlich ein Vater auf drei Söhne schaut,

die ihm wahrhaftig gleichermaßen lieb und teuer.

Wenn’s denn ans Sterben geht,

lässt sich die Wahrheit kaum verschweigen.

Der Vater hat drei liebste Söhne

und  einen einz’gen Ring.

Da wird die Wahrheit schon mal listig.

Der Vater läßt beim Juwelier von Rang

zwei Duplikate fertigen,

und die Kopien sind vom Feinsten,

so dass er selbst am Schluss

das Echte nicht vom Nachgemachten scheiden kann.

Ja, und dann stirbt der Vater

von drei Söhnen mit drei Ringen,

und jeder meint, nur seiner sei der echte,

denn schließlich:

Wie kann ein solch toller Vater (Friede seiner Asche!) lügen?

Doch die Mogelei ist offenkundig

und nun der Krach die Folge

in der bisher so vorbildlichen Familie,

Der Streit allein deshalb,

weil Liebe alle gleich behandeln wollte:



Der Vater müsste schlichten,

aber der ist tot.

Wie aber ist die Wahrheit wirklich?

dreifach, einfach, vielfach oder vielfach einfach?

Also: Wurde der eine Ring noch zweimal kopiert?
Oder: Ist das Original nicht mehr da, und sind es drei Kopien?
Oder: Zwei kopierte oder drei kopierte, perfekt kopierte Ringe?

Ja, was denn nun?

Zwei sind doch mindestens die Dummen hier, oder nicht?

Jedenfalls eine höchst verfahrene Geschichte.


Kopieren kann da Weisheit sein.

Das hat Bocaccio inspiziert

und Lessing fasziniert

und die Aufklärung inspiriert.

Was ist da wohl im Spiel? Magie? Die Geister oder was?

Peinlich, peinlich solche Duplikate, Triplikate.

Dasselbe gibt’s nur einmal und nicht dreimal:

Das ist die Wahrheit.

Aber wenn das die Wahrheit ist,

dass Wahrheit nicht verfügbar ist,

und noch mehr:

dass Menschen vielfach glauben und doch eine Einheit sind,

dann ist die Wahrheit eine,

vielleicht in drei,vielleicht in vielen, vielen Ringen.

Zum Richter laufen, führt nicht immer zum Erfolg.

Der Richter fällt ein Urteil.
Ist dieses immer Recht?


In diesem Fall jedoch sitzt dem Gericht ein kluger Richter vor:

Fürwahr ein Friedensrichter.

Der Tatbestand ist klar:

Der Vater hat drei Söhne gleich geliebt.

Sie alle sollten liebste Söhne sein.

Und immerhin ist ja auch möglich:,

Der echte Ring vermutlich ging verloren.

Und nun: drei nachgemachte Ringe

der Söhne Hände schmücken
-------------------------- welche Chance!

Geschichte läuft nicht rückwärts.

Da gibt’s es nur noch eine Möglichkeit,

was diese Kontrahenten längst vergessen hatten:

Der Stein im Ring, so sagt man,

habe die  Kräfte der Versöhnung in sich.

Diese Kräfte lassen sich am Handeln prüfen.

Die Wirkungen allein sind doch der Maßstab.



So wird den drei Söhnen schließlich schlicht beschieden,

die Kraft des Steines im eignen Ring zu "an Tag zu legen"

Nach 1000 Jahren sollten sie dann wiederkommen

und von den Wirkungen der Ringe berichten.
Dann wird die Wahrheit sonnenklar.

Und dieses ist der offizielle Richterspruch:

             „Es eifre jeder seiner unbestochenen
             von Vorurteilen freien Liebe nach!
             Es strebe von euch jeder um die Wette,
             die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
             zu legen. Komme dieser Kraft mit Sanftmut,
             mit herzlicher Verträglichkeit mit Wohltun
             mit innigster Ergebenheit in Gott
             zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
             bei euern Kindes-Kindern äußern,
             so lad ich über tausend taussend Jahre
             sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
             ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
             als ich und sprechen, geht!“

G.E.Lessing, Nathan der Weise, 3. Aufzug, 7. Auftritt

Und die Moral von der Geschichte?


Zauberstein in allen Ringen,

Liebeskraft in allen Dingen,

Lob der Menschlichkeit zu singen,

Religionen, die stimmen.

Also: Den Friedenskräften aller Religionen eine Chance.

Darum du gottholder Gotthold Ephraim,

wollen wir deine Geschichte

in unseren Ohren klingen lassen,

damit nicht angesichts der Blutspuren,

die Religionen durch die Geschichte gezogen haben,

die Steine noch mehr schreien.

Und du gottholder Ephraim -

du hast dein Rinparabel-Spiel ganz listig arrangiert,

so dass wir sogenannten Aufgeklärten

und mit Vorurteilen doch Erfüllten

eigentlich unsere Spielregeln ändern müssten,

um dieses Spiel mit den drei Ringen heute zu spielen.

Happy-End der anderen Art


Diese Geschichte geht gut aus,

denn Gott teilt Liebe nicht nach Konfessionen zu:

Gott liebt sie alle:

Die Juden, die Muslime und die Christen.

Gott liebt auch Tempelherren,

doch Kreuzesritter müssen eines lernen:

Menschlichkeit bar jeder Vorbedingung,



Gott ist nämlich aller Gott
- und alle sind auch seine Kinder.

Da lernt zum Schluss der stolze Tempelherr,

dass die Verwandtschaftslinien oft verworren sind,

und dennoch heilsam enden.

Der Schluss ist zwar kein Märchen,

aber doch ein bisschen märchenhaft,

zu schön, um Wirklichkeit zu werden, 
doch nicht zu schön, um wahr zu sein.

Beim guten Schluss gibt’s kein Traum-Liebespaar,

am Schluss hört Trennung gänzlich auf,

Geschwister sind sie alle,
weil sich der Weisheit Plan erfüllt.

Der Krieg bringt Menschen auseinander;
die Liebe fügt zusammen.

Es ist der Gott der Liebe,
den Juden, Christen, Muselmanen

verschieden doch und gleicherweis verehren.

Dies mitten in Jerusalem,

und darum sei die Stadt auch wirklich allen heilig.

Aktualisierender Vorblick


Warum denn heute nicht zurück zu Nathan?

Es ist schon wieder höchste Zeit.


Terroranschläge werden oft nur mitgeteilt.
Oder wer hat schon einen Sprecher weinen sehen? 

Politiker geh’n zur Tagesordnung über.

Flüchtlinge sind immer - wieder - noch -

geängstet im so reichen Deutschland.

Schwarze Haut bleibt Zeichen weißer Vorurteile.

Und wer Gott anruft und den Namen Allah nennt

gilt als Bedrohung vieler braver Bürger.

Da brennen Flüchtlingsheime,
Synagogen sind beschmiert,
Moscheen werden demoliert.


Wo sind wir bloß?

Schau'n wir auf die Ringe  uns'rer Religionen -

vereint in Bibel und Koran;

sie alle haben Kräfte der Versöhnung,

sie wollen nicht als Schwert und Schlagholz dienen.


Vertrauen wir auf ihre Wunderkräfte,

sind wir doch Söhne, Töchter dieses Einen.

Denn merke:

Alle sind sie gleich geliebt - ja wirklich alle.