Sonntag, 25. Februar 2018

Maulana Rumi - im Anhauch Gottes

Cover -Basel: Sphinx 1993
Der berühmte persisch-islamische
Mystiker und Dichter 

Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rumi 
(geb. 30.09.
1207 in Balch, Afghanistan,
gest. 17.12.1273 in Konya, Türkei)
gilt als Gründer des Ordens der tanzenden Derwische
Wegen seiner beeindruckenden Spiritualität wird er auch Maulana (Mewlana) genannt: Großer Meister !
Neben seinem Hauptwerk Mathnawi (Masnavi) ist sein Diwan-e Schams-e Tabrizi nicht minder berühmt. Es besteht in der poetischen Form der Ghaselen (2.000 = ca. 21.000 Verse) und 1700 Vierzeilern, den Ruba'iyat (= ca. 3500 Verse).
Rumi sieht die universale Liebe als entscheidende Kraft des Lebens an. Im Wesenszentrum des Selbst spielt das Ich keine Rolle mehr. Von dieser Liebe geleitet, findet der Suchende auf dem Weg zur Wahrheit Gott im eigenen Herzen.


DAS HERZ ALS ZUFLUCHTSORT FÜR ALLE 
Bisweilen sind wir sichtbar, bisweilen verborgen,
 
bisweilen Moslems, Christen oder Juden. 

Wir durchlaufen viele Formen, 
bis unser Herz Zufluchtsstätte wird für alle.

Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien, von Ḥāfiẓ, Ǧalāl-ad-Dīn Rūmī,
Umar Ḫaiyām. 
München: C.H. Beck 2009, 3. Aufl., S. 62 (aus dem Diwan)

Was du auch denkst, es wird vergänglich sein.
Was kein Gedanke fassen kann, ist Gott.

Aus dem Mathnavi. Übersetzt von Annemarie Schimmel.
Rumi. Ich bin Wind, und du bist Feuer. 
Leben und Werk des großen Mystikers. DG 20. Köln: Diederichs 1986, 5. Aufl., S. 87


DER TEMPEL GOTTES IM HERZEN
Die hin zur Kaaba pilgern gehn,
Wenn nun an ihrem Ziel sie stehn,
In einem Tale ohne Saat
Ein altes Haus von Stein sie sehn.
Sie gingen hin, um Gott zu schaun'n;
Und nun um's Haus im Kreis sich drehn.
Wann sie sich lange so gedreht,So hören sie die Stimme wehn:
Was, Toren, ruft ihr an den Stein?
Wer wird vom Steine Brot erflehn?
Wenn ihr den Tempel Gottes sucht,
In eurem Herzen tragt ihr den.
Wohl dem, der bei sich selbst kehrt ein,

Statt pilgernd Wüsten durch zu gehn.
Ghaselen XL: Pilger zur Kaaba.
Aus: Mewlana Dschelaleddin Rumi: Das Meer des Herzens geht in tausend Wogen:  Ghaselen. Aus dem Persischen von Friedrich Rückert. Frankfurt/M.: Dagyeli 1988, S. 46



DIE MOSCHEE IN DER FERNE 

Der  Ort, an dem Salomo anbetete,
nennt sich die ferne Moschee.
Sie ist weder aus Erde gebaut,
noch aus Wasser oder Stein,
aber mit Bedeutsamkeit und Weisheit.


Alle ihre Teile sind Erkenntnis und
Antworten auf jedes Andere.

Der Teppich beugt sich zum Besen.
Der Türklopfer und die Tür
schwingen gemeinsam wie Musiker.
Der Herzensschrein lebt,
aber man kann ihn nicht beschreiben.
Warum es also versuchen!?


Salomo geht jeden Morgen dorthin
und gibt Weisung mit Worten,
mit musikalischen Harmonien und in Aktionen.
Sie sind die tiefsten Lehren.
Ein Prinz ist nur ein leerer Gedanke,
bis er etwas tut mit Großmut.


Eine Vogel-Delegation kam zu Salomo und beklagte sich:
"Warum kritisierst du nie die Nachtigall?"
"Weil mein Weg verschieden ist",
erklärte die Nachtigall für Salomo,

Ich singe von Mitte März bis Mitte Juni.
Die andere Zeit, während du ständig zirpst,

bleibe ich schweigend."

Coleman Barks with Johne Moyne, A.J. Arberry & Reynold Nicholson: The Essential Rumi.
Edison, NJ (USA): Castle Books 1997, p. 191f 



ER WAR AN EINEM ANDEREN ORT
Kreuz und Christen –
Ich suchte von einem Ende zum anderen.
Ich prüfte – ER war nicht am Kreuz.
Ich ging zum Hindu-Tempel, zur alten Pagode,
In keinem von ihnen war irgendein Zeichen.
Ich ging ins Hochland von Herat und nach Kandahar.
Ich sah nach.
ER war weder auf den Höhen noch im Tiefland.
Ganz entschlossen stieg ich auf den Gipfel des Kat-Berges.
Dort war nur die Wohnung des Anqa-Vogels.
Ich ging zur Kaaba nach Mekka.
ER war nicht da.
Ich fragte nach IHM bei Avicenna.
Er war jenseits der Reichweite von Avicenna.
Ich sah in mein eigenes Herz,
Dort, an diesem Ort, da sah ich IHN.
ER war an keinem anderen Ort

Aus den Ghaselen (N XVII, nach Reclam TB 1168, S. 59), Textvariation, 
vgl.: Gesänge des tanzenden Gottesfreundes.
Aus der Dichtung des persischen Mystikers Rumi. 
Mit Ornamenten von Karl Thylmann. 
Übertragen und geschrieben von Linde Thylmann. 
Herder-Bücherei: Texte zum Nachdenken Bd. 679. Freiburg u.a.: Herder 1978, S. 33


Lied der Rohrflöte 
als Seelengesang des vollkommenen Menschen


Hör auf der Flöte Rohr – wie es erzählt, und wie es klagt
vom Trennungsschmerz gequält ! 
"Seit man mich aus der Heimat Röhricht schnitt,
weint alle Welt bei meinen Tönen mit.
Ich such ein Herz, vom Trennungsleid zerschlagen,
um von der Trennung Leiden ihm zu sagen.
Sehnt doch nach dem In-Einheit Lebensglück,
wer fern vom Ursprung, immer sich zurück !
Ich klagt’ vor jeder Gruppe in der Welt,
ward Guten bald und Schlechten bald gesellt;
ein jeder dünkte sich mein Freund zu sein,
sucht' mein Geheimnis nicht im Herzen mein.
Und doch, so fern ist’s meiner Klage nicht -
Dem Aug' und Ohre fehlet nur das Licht.
So sind auch Leib und Geist einander klar -
Doch welchem Auge stellt der Geist sich dar?"


Kein Hauch, nein, Feuer sich dem Rohr entwindet -
Verderben dem, dem diese Glut nicht zündet !
Der Liebe Glut ist’s, die ins Rohr gefallen,
der Liebe Brausen lässt den Wein nur wallen.
Die Flöte - der Getrennten Freundin sie -
Zerreißt die Schleier, doch die Melodie !
Wer sah als Gift das Gegengift ihr Gleiches?
Wer sah als Tröster und als Freund ihr Gleiches?
Vom Pfad im Blute will das Rohr berichten,
von Madschnuns Lieb' erzählet es Geschichten.
Vertraut mit diesem Sinn ist nur der Tor,
der Zunge Kunde höret nur das Ohr !


In Leid sind unsere Tage hingeflogen,
und mit den Tagen Plagen mitgezogen;
Doch zieh’n die Tage, lass sie zieh’n in Ruh,
wenn Du nur bleibst, der Reinen reinster Du ! 
Der Fisch nur wird vom Meere niemals satt,
lang wird der Tag dem, der kein Tagbrot hat.


Der Rohe kann den Reifen nicht verstehn -
So soll mein Wort denn kurz zu Ende gehn.
Das Mathnawi
Ausgewählte Geschichten. Aus dem Persischen von Annemarie Schimmel.
Basel: Sphinx 1994, S. 22-25
Vgl. Werner Sundermann (Hg. und aus dem Persischen übersetzt / 
Martin Remané, Nachdichtung): Lob der Geliebten. Klassische persische Dichtungen. 
Berlin: Rütten & Loening 1983, 2. Aufl., S. 111