Mittwoch, 16. November 2016

Das buddhistische Gleichnis von der Wildgans --- die 4. Ausfahrt des Siddharta Gautama

Einige Zeit danach gab Siddhartha noch einmal seinem Wagenlenker den Befehl, die schönsten Wagen für eine Ausfahrt zu den Gärten instand zu setzen. Es war noch Unruhe in ihm und Neugier, wer ihm auf dieser Ausfahrt begegnen möchte. Kaum hatten sie die Stadt verlassen, da sah Siddhartha zum ersten Mal in seinem Leben einen wandernden Bettelmönch. Mit geschorenem Haupt und Bart, mit dem fahlgelben Gewand bekleidet, schritt der Bettler ruhig und selbstbeherrscht dahin. In edler Haltung trug er sein Gewand und die Schale. Keine Ungeduld, keine Einbildung und kein Hochmut schienen in ihm zu sein. Ausgeglichen und leicht ging er seinen Weg.
Da ließ Siddhartha seinen Wagen anhalten. Er stieg zu dem Bettler hinunter und redete ihn an. “Warum bist du anders als andere Menschen? Dein Haupt ist nicht wie bei anderen, und dein Gewand ist nicht wie bei anderen." “Ich habe mein Haus verlassen", antwortete der Bettler, “und bin in die Hauslosigkeit gegangen. Ich gehe mit bloßem Haupt unter dem weiten Himmel, ich trage das fahlgelbe Kleid der Ausgestoßenen und Kastenlosen."
Als der weise Bettler das gesagt hatte, flog ein Schwarm von Wildgänsen über sie hin. “Wir wandernden  Bettler", fuhr er fort, “sind wie die Wildgänse, die heimatlos den Raum durchfliegen, die überall und nirgends zu Hause sind. Die Wildgans schwimmt auf der Oberfläche des Wassers, ist aber nicht an das Leben auf dem See gefesselt. Sie fliegen bald nach Norden, bald nach Süden. Sie  durchschweifen die Höhen des Himmels und lassen sich nieder auf dem See, ganz wie sie wollen, bald hier, bald dort. So sind auch wir heimatlose, freie Wanderer. Kein Gesetz der Kaste bindet uns mehr. Die Träume und Ängste der Menschen in ihren Häusern, die an Macht, Besitz und Ansehen kleben, sind für uns für immer vergangen."

Die Inder nennen die Wildgans in ihrer Sprache hamsa. Die beiden Silben des Wortes klingen wie Ausatmen und Einatmen. Die Wildgans ist für die Inder ein großes Symbol. “Wir leben den Atem der Welt", ergriff der Bettler noch einmal das Wort. “Ausatmen und Einatmen, daraus besteht jede Sekunde des Lebens. Das Ausatmen löst und befreit, das Einatmen bedrängt und presst. Die Menschen denken meist nur an ihre Kastenpflichten, Kastenrechte und Kastenträume. Das drückt und presst sie im Leben. Sie sind aufgeregt und voller Sorgen. Sie verstehen die Botschaft der Wildgänse nicht, die als Gleichnis Gottes unter dem Himmel sind. Gott ist bei allen Menschen und doch frei. Ihnen fehlt Gelöstheit und Freiheit. Wir aber gehen als Gleichnis Gottes gelöst und frei durch die Welt. Wir sorgen uns nicht. Wir empfangen in der Bettelschale, was wir nötig haben. Wenig genügt uns. Dann setzen wir unsere Schritte nach Norden oder Süden, immer unter dem Himmel. Wir leben, was die Menschen so leicht vergessen: Was Menschen besitzen, behalten sie nicht. Wir empfangen nur, um es wieder loszugeben. Bettler sind wir, darum frei." 
Vgl. Matthäus 6,26 / 8,20 /  19,29
Paul Schwarzenau in: Gespiegelte Wahrheit. Biblische Geschichten und Kontexte anderer Religionen.
Iserlohner Con-Texte Nr. 18 (ICT 18). Iserlohn 2003, als PDF Datei bearb. 2009 / 2014, S. 49 

Buchhinweis:
Heinrich Zimmer: Indische Mythen und Symbole. 
DG 33. Eugen Diederichs Verlag 2000, 7. Aufl., 255 S.