Montag, 3. November 2014

Begegnung mit Thomas von Kempen ----------------- Gott füllt in leere Gefäße



DAS GÖTTLICHE SCHÖPFEN

Wie soll ich
nach innen schauen,
wo sich doch das Auge
nach außen richtet?

Wie soll ich mich
kehren in mich,
wo doch ständig die Hände
greifen nach vorn? 

Wie soll ich denn
zu mir kommen,
fahr ich doch stets und ständig
weg von mir selbst?

                               Wie soll ich,
                               wenn ich will,
                          aber nicht kann, oder?

         Wie die Quelle 
                                     urplötzlich die Tiefe durchbricht
                       und meine Tiefe erfüllt,
              so hört das Fragen
              mit einem Mal auf.
                Ich kann auf ein Mal
                    frei und ungezwungen
                                              das Unendliche, das Göttliche schöpfen
                      - in mir!


ZUM GE-LASSENEN SELBST-SEIN

Sammeln, sich sammeln, aufsammeln,
gesammeltes Wesen,
gegründetes Ich
der übliche Weg,
aber dann
der Weg zum gelassenen Selbst -
die Dinge beiseite geschoben -
weg-lassen, ver-lassen, ge-lassen.
Im Verlassen
hinter das Ich kommen
und sich Selbst finden.
Das ist ein Grund,
nicht entdeckt, sondern auf-gefunden
und neu gegründet jenseits vom Haben,
jenseits vom Dasein,
gegründet ins Sein.


Denn der Herr gibt seinen Segen dort,
wo er leere Gefäße findet
.
(4. Buch, Kap. 15,3)

Thomas von Kempen (um 1380 - 1471), niederrheinischer Mystiker zur Richtung der "Devotio moderna" gehörend. Er wurde durch sein Buch: Von der Nachfolge Christi (ursprünglich in Latein:
De imitatione Christi) weltbekannt. Es gilt als das meistgedruckte Buch nach der Bibel.