Sonntag, 17. April 2016

"Nathan der Weise" als Anregungsmuster für interreligiöses Lernen

Die eine Wahrheit und die „vorurteilsfreie Liebe“
Erstdruck 1779 - ohne Verlagsangabe (Wikipedia)

Schon in Lessings „Nathan“ wird der Anstoß gegeben, die Gleichwertigkeit der Religionen ernst zu nehmen 
(vgl. Joh-Ev. 3,8 und Kap. 14). 
Die Aufklärung in Europa hat die Religionen ohne Absolutheitsanspruch angeshen und auch christliche Monopolansprüche relativiert. 

Die auf Boccaccio zurückgehende Ringparabel, die Gotthold Ephraim Lessing in einen szenischen Kontext setzt, wird zu Recht bis heute als Dokument aktiver Toleranz gepriesen. Auch ihre Wirkungsgeschichte ist bis heute keineswegs abgeschlossen. Bei aller Dialogoffenheit heutzutage stellt sich immer noch die Frage, ob das Christentum in wirklich ohne Einschränkungen hinter dieser Aussage steht. 
Die Intentionen des "Nathan" haben darüber hinaus erhebliche didaktische Konsequenzen für eine interreligiöse Erziehung überhaupt. 

                                               Es eifre jeder seiner unbestochnen
                                               von Vorurteilen freien Liebe nach!
                                               Es strebe von euch jeder um die Wette,
                                               die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
                                               zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut,
                                               mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
                                               mit innigster Ergebenheit in Gott
                                               zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
                                               bei euern Kindes-Kindern äußern,
                                               so lad ich über tausend tausend Jahre
                                               sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
                                               ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
                                               als ich und sprechen, geht!
G.E. Lessing, Nathan der Weise, 3. Aufzug, 7. Auftritt
Gerade ein dogmatisch eher festgelegtes Christentum tut sich bis heute schwer, die Konsequenzen dieses aufklärerischen Toleranzbegriffes in die Tat umzusetzen. Immerhin wird nichts Geringeres behauptet, als dass Christentum, Judentum und Islam gleichwertig seien und dass die Liebe zum Höchsten sie alle präge. Darüber hinaus kann man natürlich darüber intensiv sinnieren, was es wohl bedeutet: „Der echte Ring vermutlich ging verloren.“
Historischer Rückblick und Folgerungen für die Gegenwart
Nathan, der Weise, dieses kunstvoll zusammengefügte Drama Gotthold Ephraim Lessings, entstand, als ihm seine Streitschriften gegen den orthodoxen Hauptpastor Goeze in Hamburg verboten wurden. Mit der Veröffentlichung der Schriften des Reimarus hatte er eine Lawine losgetreten, die die bornierten Bekenner des Glaubens auf den Plan rief. Sie sahen das ganze christliche Weltgefüge wieder einmal aufs Tiefste bedroht, sie sehen es noch heute bedroht. Der Kampf gegen Andersgläubige wird noch immer mit religiösen Argumenten ausgefochten. Judentum und Islam werden immer wieder verzerrt dargestellt trotz besserer Information. Auch manche Christen können wohl ohne Feindbild nicht leben, obwohl ihnen Jesus anderes verkündigte. Um gegen die Feindbilder und die Intoleranz anzugehen, um die Gleichwertigkeit (nicht Gleichheit) der Religionen zu betonen, steigt Lessing auf „seine“ Kanzel, das Theater: „Ich muss versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, dem Theater, wenigstens noch ungestört will predigen lassen“, hat er gesagt, als er den „Nathan“ schuf.
Gegen die Intoleranz seiner Gegner stellt er das Humanitätsideal der „von Vorurteilen freien Liebe“ auf, das sich an der Menschlichkeit in allen Religionen orientiert und in der Weisheit gelebten Glaubens seine höchste Verdichtung findet. Nathan wird zur Idealfigur, der Weise hat schon gelernt, der kluge Sultan lässt sich auf die Weisheit der Toleranz ein, die beiden Frauen, Recha und die Sultans-Schwester Sittah treiben diese Gedanken mit Charme voran, und selbst der sympathische, aber doch am christlichen Absolutheitsanspruch krampfhaft festhaltende Tempelherr sieht sich zu guter Letzt in eine Verwandtschaftslinie gestellt, in der Juden, Muslime und Christen gleichermaßen Platz haben. Aus solcher Verwandtschaft kann man sich nicht heraus stehlen, sondern sie ist in ihren positiven Chancen gerade angesichts zunehmender Konflikte bewusst wahrzunehmen.

Happy-End der anderen Art und ein Funken Hoffnung


Der Plan liebender Weisheit
Den Friedenskräften aller Religionen eine Chance.
Darum du gottholder Gotthold Ephraim,
wollen wir deine Geschichte
in unseren Ohren klingen lassen,
damit nicht angesichts der Blutspuren,
die Religionen durch die Geschichte zogen,
die Steine noch mehr schreien.
Und du gottholder Ephraim –
du hast dein Rinparabel-Spiel
ganz listig arrangiert,
so dass wir sogenannten Aufgeklärten
und mit den Vorurteilen doch Erfüllten
eigentlich unsere Spielregeln ändern müssten,
um dieses Spiel mit den drei Ringen
heute zu spielen:
Gott teilt Liebe nicht
nach Konfessionen oder Religionen zu:
Gott liebt sie alle:
Die Juden, die Muslime und die Christen
Und all die anderen
mit den vielen Göttern
und ja auch,
die wieder einen Gott er-kennen
oder an ihn glauben.
Gott liebt auch die Tempelherren,
doch Kreuzesritter müssen eines lernen:
Menschlichkeit bar jeder Vorbedingung,
denn Menschlichkeit ist nicht beschränkt,
sie gilt für alle Menschen.
Gott ist nämlich aller Menschen Gott,
und alle sind auch seine Kinder.
Da lernt zum Schluss der stolze Tempelherr,
dass die Verwandtschaftslinien oft verworren sind,
und dennoch heilsam enden.
Der Schluss von Lessings Nathan ist kein Märchen,
jedoch ein bisschen märchenhaft,
zu schön, um Wirklichkeit zu werden,
doch nicht zu schön, um wahr zu sein.
Beim schönen Schluss       
gibt’s kein Traum-Liebespaar,
beim schönen Schluss, da hört die Trennung auf,
Geschwister alle, weil         

der Plan der Weisheit aufgeht.
Der Krieg bringt Menschen auseinander;
die Liebe fügt zusammen,
der Gott der Liebe,
den Juden, Christen, Muselmanen
verschieden doch und gleicherweis verehren.
Dies mitten in Jerusalem,
und darum sei die Stadt auch wirklich allen heilig.

Aktualisierender Vorblick

Warum denn heute nicht zurück zu Nathan?
Es ist schon wieder höchste Zeit.
Schon wieder brennen Häuser.
Terror erschüttert immer wieder die Gemüter.
Die Herrschenden
bestimmen über Gut und Böse.
Flüchtlinge suchen verzweifelt
auf schwankendem Boot
nach sicherem Grund.
Schwarze Haut bleibt Zeichen
weißer Vorurteile.
Gott anrufen – und Allah sprechen
gilt als Bedrohung autochthoner Bürger,
Flüchtlingsheime brennen,
Synagogen und Moscheen werden demoliert.
Teehäuser verwüstet.
Wo sind wir bloß schon wieder?
Schau‘n wir auf die Ringe unserer Religionen.
der Juden  Bibel, den Koran, das Neue Testament,
sie haben alle Kräfte der Versöhnung,
sie wollen nicht
als Schwert und Holzhammer
verschlissen werden.
Vertrauen wir auf ihre Wunderkräfte,
wie wir doch Söhne und Töchter dieses einen Gottes sind.
Denn merke:
Alle sind sie gleich geliebt,
ja wirklich alle.

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Literaturhinweise

·      Dieter Wunderlich: Buchtipp „Nathan der Weise“: http://www.dieterwunderlich.de/Lessing_Nathan.htm
(abgerufen 29.04.2012)
·    Reinhard Kirste: „Vorurteilsfreie Liebe“ als wesentliche Zielvorstellung interreligiösen Lernens.
In: Eckhart Gottwald / Norbert Mette (Hg.): Religionsunterricht interreligiös. Festschrift für Folkert Rickers zum 65. Geburtstag. Neukirchen Vluyn: Neukirchener Verlag 2003, S. 37–55
·   Reinhard Kirste: Wegweiser zur Gleichwertigkeit der Religionen.
 In: Udo Tworuschka (Hg.): Religion und Bildung als historische Forschungsfelder. Festschrift für Michael Klöcker zum 60. Geburtstag. Kölner Veröffentlichungen zur Religionsgeschichte Bd. 31.
Köln: Böhlau 2003, S. 199–211
·    "Jud, Christ und Musulmann vereingt"? Lessings Nathan der Weise.
Düsseldorf 2004.
Überarbeitete Neuausgabe:
Im Ringen um den WAHREN RING.
Lessings "Nathan der Weise" - eine Herausforderung der Religionen.

Ostfildern: Patmos 2011
  • Weihnachten und der Koran. Düsseldorf: Patmos 2008, 158 S., Abb.
  • Karl-Josef Kuschel: Vom Streit zum Wettstreit der Religionen. Lessing und die Herausforderung des Islam.
    Düsseldorf: Patmos 1998, 361 S., Register

© Reinhard Kirste

Relpäd/Nathan4, 29.04.12, bearb. 17.04.2016






Samstag, 16. April 2016

Leuchtsignale von dort



In der Frühe des Morgenlichts
wird die Wahrheit des Lebens
offenbar:
Die Steine sind fort
von den Löchern des Todes.
In die Höhlen der Nacht
schwingen sich
Lichtarkaden ewigen Lebens.

Leuchtsignale von dort
belichten die Schatten
schon hier -
wahr-nehmbare Vision
göttlich bereiteter Welt.